16.04.08 Marc Leopoldseder

Freunde? Nein! – Q&A mit Sylabil Spill

»Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss / schlagen zuerst, reden zum Schluss.« So geht Rap. Zumindest nach Meinung von Sylabil Spill, Rapper aus dem Kölner Entourage-Camp und kein Freund von Image- und Verkleidungsbrimborium. Er steht eher auf Punchlines, nachzuhören auf seiner grandios simpel betitelten EP »Freunde? Nein!« und in absehbarer Zeit wohl auch auf LP-Länge.

Ich weiß gar nichts über dich. Erläutere doch bitte mal deinen Rap-Werdegang.
(lacht) Okay, dann pass auf. Ich fang einfach so an: Ich bin Sylabil Spill, geboren 1996 während eines heißen Freestyle-Cyphers. Da stupste mich ein guter Kumpel von mir an und meinte: »Komm, geh doch, du hast doch sonst immer so eine große Schnauze – los, spitte mal was.« Ich geh also rein, lege los – und der Rest erzählt die Gegenwart.

sylabilspill

Ich habe hier einen Tonträger vorliegen, der heißt »Freunde? Nein!«.
Freunde? Nein! Genau so sieht’s aus. Also warum»Freunde? Nein!«? Man hört ja zur Zeit in der Rapwelt viel von dieser Verschmelzung, von wegen, ein Rapper müsste sich auch dementsprechend anziehen, mit der Mode gehen – und das ist halt nicht mein Ding. Ich sage mir einfach nur: Ich bin da, um Musik zu machen, ich bin da, um zu spitten. Ich bin ein MC. Und mit dieser ganzen Scheiße will ich nichts zu tun haben. Zu der Zeit, als ich angefangen habe, Rap zu hören und zu machen, ging es einfach darum, dass du loslegst, dass du das Mic greifst und spittest – egal, wie du aussiehst. Wackness hat keine Farbe. Ob schwarz, weiß, grün, gelb. Ich sage: Mit der Scheiße, die heutzutage gerade am Laufen ist, habe und will ich nichts zu tun haben. Von daher: Freunde dieser Wackness? Nein!

Auf was für eine Zeit beziehst du dich damit?
Ich würde sagen: Für mich ist diese Zeit noch nicht vorbei, weil ich immer noch spitte. Ich gehe immer noch ins Studio oder setze mich mit dem Retrogott im Hodnsack hin und wir spitten uns gegenseitig auseinander. Aber dass man wirklich zu einer Jam geht, zu einer Freestyle-Session, wo man nicht vorgeschriebene Texte spittet, sondern wo die Leute sich gegenüber stehen und sich mit Sprüchen lyrisch die Knochen brechen – die Zeit ist meines Erachtens schon vorbei, würde ich sagen. Wenn ich das überhaupt in einen Zeitrahmen packen darf. Man muss in dieser Hinsicht immer vorsichtig sein, weil es immer Ecken gibt, wo es noch vorhanden ist. Aber es ist nicht mehr so am Brodeln.

Früher war also alles besser?
Nee. Es war früher nicht zwingend besser. Es hat halt immer seine Macken. Es gab immer Leute, die der Zeit ein bisschen voraus waren, die schon immer in der Lage waren, Sachen zu spitten, die die anderen gerade nicht drauf hatten. Von daher würde ich nicht sagen, dass früher alles besser war. Zur Zeit ist es halt extrem durcheinander. Ich meine, ich finde es schon cool: Es gibt zur Zeit eben extrem viele Rapper, die versuchen, sich zu behaupten. Aber ich denke, dass es früher übersichtlicher war. Ich will mir nicht anmaßen zu sagen, früher war besser und heute ist alles wack.

Aber grundsätzlich findest du schon die meisten Sachen wack? Zumindest hören sich deine Texte danach an.
Auf jeden Fall, Alter. Ich muss auch dazu sagen: Ich bin extrem hasserfüllt, sobald ich ans Mic gehe. Bei mir ist das so: Ich leg los und will dich ficken, weißte? Ich bin ein schlechter Verlierer, die beste Voraussetzung dafür, immer weiter zu kommen. Und mit dieser Einstellung geh ich rein. Du musst dir das Bild geben von einem Boxer, von Mike Tyson zum Beispiel: Der hat sich tierisch in die Hose gemacht und lieber seine Gegner gefickt, als dass die ihn punchen konnten. Das ist das Ding. Das heißt für mich: Es gibt keine Freundschaft, wenn wir am Spitten sind. Ich will dich ficken, Alter! Das ist mir scheißegal. Danach können wir reden, danach sind wir cool miteinander, aber in der Zeit leg ich dich auf jeden Fall flach. So sieht’s aus.

Das Rappen an sich ist deiner Meinung nach also eher eine sportliche Veranstaltung?
Ja, das ist auf jeden Fall eine sportliche Veranstaltung. Ich denke, das ist eine geistige und auch lyrische Fitness, die man da unter Beweis stellen muss und stellt. Aber nach dem Rappen ist alles cool. Man gibt sich die Hand, wenn man so drauf ist, oder man scheißt halt drauf und sagt: Okay, du hast mich gefickt, ich komme darauf nicht klar, ich bin ein schlechter Verlierer – (lacht) da hab ich kein Problem damit, ich bin auch ein schlechter Verlierer. Es muss ja einen Gewinner geben, weißtduwieichmein? So sieht’s aus.

Wie muss Rap deiner Meinung nach klingen?
Ich würde sagen, Rap braucht Punchlines und muss inhaltlich überzeugen. Es bringt mir nichts, wenn ich Musik mache mit der Absicht, dazu ein krasses Video zu drehen mit Bängboombäng und viel Explosion. Von daher richtet sich mein Fokus schon mal nicht auf diese ganzen Accessoires, wenn ich das so sagen darf. Für mich muss Rap einfach drauf los gehen: Ein Stift, ein Blatt und Punchlines. Punchline, Punchline, rappen bis die Fetzen fliegen. So. Es muss auf jeden Fall punchlinehaltig sein. Viele verstehen das auch immer falsch und fragen sich: Ich mach jetzt nicht wirklich Battlerap, von daher kann ich mit Sylabil Spills Sachen nichts anfangen, weil er sagt, man muss Punchlines haben. Dazu sage ich: Punchlines zu haben, heißt inhaltlich zu überzeugen. Auf den Punkt kommen. Und nicht, sich nicht im Kreis drehen und nicht wissen, was man sagen will. Weißt du was ich meine? Für mich ist einfach wichtig, dass man punchlinen kann. Das kann witzig sein, das kann brachial sein, so dass die Leute die Fresse aufreißen und sagen: »Shit, Alter. Ich will dein Unterbewusstsein nicht kennen lernen.« Das ist das, was Rap für mich ausmacht. Und ich muss auch offen sagen: Mir ist es egal, jeder kann machen, was er will, auf jeden x-beliebigen Beat spitten, auf irgendwelche B-Seiten oder von mir aus auch Volksmusik – Hauptsache der Rapper kommt auf den Punkt und punchlinet. Punchline, Punchline, Punchline.

Ist es für dich dann gar nicht so wichtig, wie die musikalische Unterlage klingt? Auf »Freunde? Nein!« gibt es ja doch einen musikalischen roten Faden, die Beats klingen aus heutiger Sicht retro.
Ich hätte jetzt auch kein Problem damit, auf – wenn man das so sagen darf – Beats zu rappen, die der heutigen Zeit entsprechen. Wenn man die »heutige Zeit« denn überhaupt definieren kann. Für mich ist es einfach wichtig, dass ich punchlinen kann. Und auf welchem Beat ich das mache, ist eigentlich egal. Ich hätte mich auch vor das Mic stellen und mit Klatschen anfangen können, du nimmst das mit der MPC auf und ich spitte los. Ich sage einfach: Man muss punchlinen können. Auf welchem Beat, ist scheißegal. Es gibt genügend Rapper, die auf Neptunes- oder andere Synthesizer-Beats gut Punchlines rappen können. Und sofern die die ganze Geschichte gut treffen, ist das gar kein Problem, sollen sie doch weitermachen. So sieht’s aus.

Du kommst auch aus Köln, ist das richtig?
Ja. Also… (lacht) Ich mein das ganz im Ernst: Mit dieser Frage beschäftige ich mich die ganze Zeit schon. Leute fragen mich: »Wo kommst du her, was ist deine Doktrin?« Ich finde es immer lustig, wenn Leute so abgehen: »Ich häng mit dem ab.«»Oh, du bist dope.« »Ich häng mit dem ab.«»Bäh, du bist wack, mit dir kann ich nichts anfangen.« Ich würde sagen, ich bin ein Mann von Welt. Ich komme aus der Ecke Köln und etc. pp.

Wie bist du an dein Umfeld geraten, also Huss und Hodn etc.?
Vor der Jahrhundertwende noch. Vor der Jahrtausendwende. Was war das, Jahrtausend oder Jahrhundert?

Sowohl als auch.
Genau. Am Bahnhof mit einem Kollegen von mir. Ich treff den Retrogott, kurz die Hand gegeben, paar Tage später getroffen beim DJ Cyrax. Da mal zusammen gerappt. Und dann hat man sich halt mal getroffen. Und dann kam halt auch Hulk Hodn dazu, bzw. hat der Retrogott mir Hulk Hodn vorgestellt. Ich hab ja schon vorher gerappt. Zu den Leuten von Entourage bin ich mehr oder weniger über den Retrogott gekommen. Und dann hat sich das Ganze entwickelt, weil der Retrogott und ich uns halt sehr gut ergänzen. Wir vertreten schon die gleichen Ansichten. Wir sind jetzt nicht gelb-gelb, gleich-gleich, aber wenn es ums Rappen geht, dann würde ich schon sagen, dass wir da der gleichen Meinung sind. Zu dem ganzen Entourage-Camp bin ich über den Retrogott gekommen.

Also bist du ein offizieller Entourage-Künstler? Ist das eigentlich eine richtige Firma, bei der man unter Vertrag stehen kann und alles, ja?
(lacht) Die Entourage? Das sind alles lauter wildgewordene Affen, die sich den ganzen Tag nur am Arsch kratzen und am Chlodwigplatz rumlaufen auf der Suche nach ner Flasche Bier und der nächsten Platte zum Samplen. Das ist Entourage. (lacht) Ne, jetzt ganz im Ernst: Sie machen ihr Ding. Professionell unprofessionell. Und die ziehen das auch so durch.

Also falls bei dir ein Album anstehen sollte, was üblicherweise nach einer EP der Fall ist, würde dieses dann dort erscheinen?
(lacht) Ich gehe mal stark davon aus. Es sei denn, ich stolpere gleich beim Rausgehen aus der Tür und falle auf den Hinterkopf, weil mich die Gravitation nicht mehr vorwärts nach unten ziehen kann, sondern nach hinten. Dann würde das nicht der Fall sein. Aber wenn es gut geht und ich meinen Bus zum Planeten Penis kriegen kann, dann denke ich schon, dass man da etwas zusammen rausbringen wird in naher Zukunft. Dieses Jahr, in den nächsten zwei Monaten. Und das wird, glaube ich, schon eine kleine Steigerung sein im Vergleich zu der kleinen Geschichte, die ich gerade auf die Menschen losgelassen habe.

Also in zwei Monaten kommt dein Album schon?
Zwei Monate, wenn alles gut geht. Wenn die Professionalität weiter unprofessionell bleibt, dann gehe ich mal davon aus, dass in zwei Monaten alles stehen wird. Die meisten Dinger sind aufgenommen und die warten nur noch darauf, von mir exekutiv besamt zu werden, damit dann jeder den Blödsinn in seinen Mund nehmen kann.

Letzte Worte:
Sylabil Spill. Freunde, Fragezeichen, Nein. Anti-Wackness. Die Anti-Wackness-Kampagne. Retrogott. Der Aufnehmer aka Hulk Hodn. Die Beleidiger, meine Crew, die sind zur Zeit auch Start. Aber ihr kriegt das alles nicht mit, weil der Tod schleichend ankam. So sieht’s aus.

  

Kommentare geschlossen

Kommentare:

  1. Bohuslav Schnirch

    16.04.08

    Herr Spill ist definitiv einer von den Guten.

  2. Auf jeden Fall.

  3. KyNk

    19.04.08

    Geht so nicht!

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