3.03.08 Alexander Engelen

Joe Conzo: HipHops erster Fotograf

In der Zeit als HipHop laufen lernte, kümmerte sich Joe Conzo um die Kinderfotos. Als persönlicher Fotograf der legendären Cold Crush Brothers begleitete er die Crew Anfang/Mitte der Achtziger bei ihren Shows und dokumentierte dabei als einer der ersten Fotografen den aufkeimenden ersten HipHop-Hype und die Welt, in der dies geschah. Heute arbeitet der 45-jährige Joe Conzo als Rettunssanitäter in der Bronx. Außerdem ist er einer der nettesten Menschen der Welt, der mit Freude Fragen über die Anfangstage des HipHops beantwortet.

Also, du hast gerade ein Buch mit Johan Kuglberg veröffentlicht…

Ja, ich habe ihn vor etwa vier Jahren über Grandmaster Caz kennengelernt. Grandmaster Caz und ich sind zusammen aufgewachsen. Vor einigen Jahren hat Johan angefangen… Johan ist ein Historiker und Plattensammler und er kennt Caz durch seine Plattensammelleidenschaft. Und irgendwann fragte er Caz, ob zu seiner Zeit eigentlich irgendjemand Bilder gemacht hat. Und er sagte: Ja, unser Fotograf Joe Conzo. Und dann rief mich Caz an und sagte, ich sollte Johan einfach mal kennen lernen. Und als ich Johan dann meine Sachen gezeigt ha, war er komplett von den Socken. Er verglich meine Arbeit mit den dead see scrolls. Und er bestand darauf, dass diese Fotografien ausgestellt und in einem Buch veröffentlicht gehören. Und jetzt sitz ich hier ein paar Jahre später, bin mit der Ausstellung um die ganze Welt gereist und wir haben gerade das Buch veröffentlicht. Und all das ist ein wahrer Segen.

Das erste Mal habe ich über das »Born In The Bronx«-Projekt 2005 gelesen.

Ja, genau. Seit dem war ich in London, Japan und ab Juli werden wir in New York ausstellen.

Bis dich Johan entdeckt hat, warst du also mehr oder weniger unbekannt.

Mehr oder weniger. Über die Jahre sind meine Fotos zwar einige Male aufgetaucht; etwa in »Yes Yes Y’All«, »Hip Hop Immortals« oder dem Chris Rock Film. Aber ich wurde nie gefragt. Und auch nie dafür bezahlt. Das ist mir ziemlich an die Nieren gegangen und deswegen hab ich wieder die Kontrolle über meine ganzen Bilder und Negative übernommen. Henry Chalfant benutzte eines meiner Bilder für seinen Film »From Mambo to Hip Hop«. Danach gab es eine kleine Kettenreaktion und VH 1 kontaktierte mich, dann kam MTV und The Source. Und der Rest ist Geschichte. Aber viele Jahre lang hab ich keine Credits für meine Bilder bekommen. Als meine Bilder zum Beispiel in »Yes Yes Y’All« erschienen, wurde ich nicht einmal als Fotograf genannt.

Deswegen warst du lange auch nicht gut auf Charlie Ahearn zu sprechen. Richtig?

Naja, wir haben halt eine Zeit lang nicht miteinander gesprochen. Aber weißt du, ich bin 44 Jahre alt. Ich habe keine Zeit, einen Gräuel gegen irgendjemand zu hegen. Und jetzt sind wir die besten Freunde. Er hat ja auch bei meinem Buch mitgeholfen. Von ihm sind einige der Bilder in »Born In The Bronx«. Und ich habe bei seinem letzten Buch »Wild Style Sampler« mitgearbeitet. Jetzt sind wir Familie.

Du nennst »Born In The Bronx« dein Buch?

Nein, »Born In The Bronx« ist im Familienbetrieb entstanden. Johan ist der Herausgeber, ich der Hauptfotograf, Charly Ahearn hat mitgearbeitet, ein Bild von Henry Chalfant ist dabei, Bambaataa hat einen Artikel geschrieben, Grandmaster Caz auch. Buddy Esquire ist auch dabei — die ganze Familie hat dazu beigetragen. Man kann es nicht das Joe Conzo-Buch nennen. Das wäre sehr egoistisch von mir. Ich hätte dieses Buch niemals ohne diese Leute herausbringen können. Aber 90 Prozent der Bilder sind von mir.

Und was bedeutet es dir, dass du jetzt diese Anerkennung für deine Bilder bekommst?

Weißt du, ich bin mittlerweile sehr spirituell und auch sehr bescheiden. Es ist einfach ein Segen für mich, dass ich die Möglichkeit habe, meine Bilder mit der Welt zu teilen. Es geht da auch nicht um Geld. Wenn ich dir erzählen würde, wie viel Geld ich mit dem Buch mache, würdest du wahrscheinlich sofort auflegen. Es geht mir viel mehr darum, all das mit der Welt zu teilen. So bin ich einfach. So lebe ich jeden Tag. Ich teile meine Erfahrungen mit anderen. Du weißt ja, was mein Job ist. Ich arbeite als Sanitäter — ich teile meine Erfahrung, mein Fachwissen mit anderen und rette dabei Leben.

Das merkt man, wenn man sich das Buch anschaut. Als ich das Buch bekommen habe, musste ich mich dazu zwingen, es wegzulegen und etwas zu arbeiten, weil es einen so fesselt.

Was hat dir denn an dem Buch am besten gefallen?

Die Kombination aus den tiefergehenden Artikeln und den leichter verdaulichen Bilder.

Ich nenne das Buch gerne ein Sammelalbum der ersten HipHop-Jahre. Es sind da ein paar Texte drin, aber eigentlich kannst du dich von den Bildern und Flyern in die Vergangenheit zurückversetzen lassen. Das war mir jedenfalls das Wichtigste. Und dafür haben wir dann auch mehr als zwei Jahre gebraucht.

Es ist auf jeden Fall eine gute Möglichkeit für die jüngere Generation sich vorzustellen, wie es damals war. Du trägst den Titel der ersten HipHop Fotografen…

Ja, manche Leute nennen mich so. Aber wahrscheinlich gibt es jemanden, der vor mir schon Bilder gemacht hat. Aber es gibt eben niemanden, der so fotografiert hat wie ich. Die meisten anderen Bilder sind nur Schnappschüsse, aber ich war eben ein richtiger Fotograf. Mein Job war es, von und für die Cold Crush Brothers Bilder zu machen. Ja, wahrscheinlich kannst du mich den ersten HipHop Fotografen nennen.

Bezeichnest du dich denn selbst als HipHop-Fotografen?

Nein, das habe ich nie. Für mich war das eher immer urbane, auf die Community aufbauende Fotografie. Ich habe eben einfach immer nur Bilder von meiner Umgebung gemacht. Und dabei war HipHop aber nur eines von vielen Elementen, von denen ich Bilder gemacht habe. Das sieht man ja auch auf meiner Website. Da hab ich viele Bilder aus der lateinamerikanischen Musikszene dieser Zeit. Mein Vater war ja Tito Puentes Manager. Außerdem habe ich viele Bilder von dem urbanen Zerfall dieser Zeit — verlassene Gebäude, Demonstrationen, die Aufstände in verschiedenen Stadteilen. Ich will mich nicht gerne auf den Titel HipHop-Fotograf beschränken lassen. Natürlich hab ich auch nichts dagegen. Aber ich würde mich doch eher als Dokumentarfotograf bezeichnen.

Ist für dich die Fotografie auch eine Art soziales Handeln? Du kommst aus einer sehr sozial engagierten Familie.

Ja, genau das meine ich. Dieses soziale Engagement, die Arbeit in der Community. Meine Familie war in den Siebzigern und Achtziger sehr engagiert. Sie haben hart gekämpft für Grundrechte für Hispanics und Schwarze, eigentlich für alle Menschen.

Es ist schwer für mich vorzustellen, wie es damals in der Bronx abgegangen ist. Das ist alles zu dem Zeitpunkt passiert, als ich geboren wurde. Wie war es denn Ende der Siebziger in der Bronx? Könntest du das ein wenig beschreiben?

In den Siebzigern ist viel passiert — besonders in der Bronx. Es brannten damals viele Häuser nieder, um an Versicherungsgelder zu kommen. Die Probleme mit Drogen und Gangs wurden immer größer und im Bildungswesen lief einiges schief. Es gab keinerlei zweisprachige Ausbildung. Wenn also ein puertoricanisches Kind zur Schule gehen wollte, war es nicht in der Lage, zur Schule zu gehen. Und damals wollte meine Großmutter Evelina Antonetty das ändern. Sie wurde damals »the hell lady of the Bronx« genannt, weil sie unerbittlich für ein anderes Bildungssystem und vieles mehr kämpfte. Die Lebensumstände waren richtig hart in der Bronx. Und zwischen all diesen Aufständen gab es eben ein paar Jugendliche, die keinen Bock mehr auf all die Drogen, die Gewalt und Gangs hatten. Und daraus ist eben HipHop entstanden.

Die Bronx brannte also — bildlich und real.

Ja, genau. Teilweise sah man nichts anderes als ausgebrannte Häuserblöcke. Ich bin mir sicher, davon hast du gehört, aber viele europäische Filmemacher kamen in dieser Zeit in die Bronx und drehten in der Szenerie Filme über die Nachkriegszeit, weil es aussah wie im niedergebrannten Berlin nach Ende des zweiten Weltkriegs.

Wie war das damals. War das eine langsame Veränderung der Bronx oder kam das Schlag auf Schlag?

Nein, das passierte sehr langsam. Aber wenn du jetzt die Bronx besuchst, passiert da gerade so viel. Heute ist es wunderschön — aber das hat eben lange gedauert. Zwei Präsidenten standen schon hier und haben versprochen, etwas zu verändern. Aber erst jetzt passiert was.

In dieser Zeit warst du ein Jugendlicher. Wie war es, in der Bronx aufzuwachsen? Auf der einen Seite hört man viel schreckliches, aber es heißt auch immer, dass alle immer sehr zusammengehalten haben.

Nun ja, abgesehen von dem Chaos, das in der Bronx in den Sechzigern und Siebzigern herrschte, hat man familiäre Werte immer sehr hochgehalten. Verstehst du, meine Mutter hat alleine fünf Kinder aufgezogen und wir mussten nie Hunger leiden, weil wir als Familie zusammengehalten haben. Wir konnten immer bei den Nachbarn klingeln und nach Essen fragen. Der Zusammenhalt war immens zu der Zeit. Das gibt es heute gar nicht mehr.

Aber du hast auch das Gefühl, dass sich das wieder ändert, oder? Zumindest in der Bronx.

Ja, irgendwie schon. Es verändert sich gerade wirklich. Es wird immer besser. Aber das hat lange gedauert.

Und in diesem Umfeld wurde schließlich HipHop geboren. Hast du damals auch nur im Entferntesten daran gedacht, was aus HipHop mal werden könnte?

Ich hatte absolut keine Ahnung. Überhaupt nicht. Wir haben uns das überhaupt nicht vorstellen können. Wir waren einfach ein paar Jugendliche, die sich eine gute Zeit gemacht haben. Wir haben nicht über das nächste Jahr nachgedacht, uns ging es um die nächste Party und was wir dort anstellen können. Wir haben es ja nicht einmal verstanden, als HipHop dann ’80, ’81 im Radio zu hören war. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass da ein nationaler oder gar internationaler Erfolg kommen könnte. Und irgendwann Mitte, Ende der Achtziger wurde das ganze wirtschaftlich erfolgreich und dann nahm alles seinen Lauf.

Wie hast du die Zeit erlebt, als sich auf einmal Mitte der Achtziger Jahre die Leute aus Manhattan dafür interessiert haben, was ein paar Jugendliche in der Bronx gestartet hatten?

Das war herrlich. Wir waren ja nur gewohnt auf irgendwelchen Partys in der Bronx zu feiern. Und auf einmal standen wir in Downtown Manhattan und tanzten zwischen Reichen, Weißen und Europäern. Es war sehr gut.

Hatte niemand etwas dagegen, dass gerade diese Leute euch etwas wegnehmen wollen, was ihr geschaffen hattet?

Nein. Und ich kann mich da nur wiederholen. Die HipHop-Kultur basiert darauf, dass man etwas teilt. Und was wäre ein besserer Weg gewesen, um dieses neue Ding zu teilen, als von der Bronx nach Manhattan und in andere Boroughs zu gehen, um schließlich international erfolgreich zu werden. Die Leute vergessen einfach die ganze Kultur dahinter. Wenn ich über die Geburt von HipHop spreche, meine ich nicht die Geburt von Rap-Musik oder von Graffiti. Ich spreche von der Geburt der HipHop-Kultur. Und Bambaataa sagt das ja auch so. Die verschiedenen HipHop-Elemente vereinen sich in der HipHop-Kultur und das fünfte Element von HipHop ist und bleibt knowledge, peace & wisdom. Und erst wenn man andere daran teilhaben lässt, wird es wertvoll.

Das hört sich an, als ob du immer noch ein HipHop-Head wärst.

Oh ja, auf jeden Fall. Das bin ich. Das ist Teil meiner Kultur und die Art und Weise, wie ich lebe. Du wirst mich wahrscheinlich nicht in einer breiten Hose rumlaufen sehen oder einer umgedrehten Cap, aber das ist ja auch nur ein kleiner Teil des Ganzen. Weißt du, nächsten Freitag gehe ich mit Bambaataa auf eine große Demonstration, weil sie einen der letzten Plattenläden in der Bronx schließen wollen. Das ist ein Plattenladen für lateinamerikanische Platten, wo Bambaataa immer hingegangen ist. Leute wie Tito Puente kauften dort in den Sechzigern und Siebzigern immer ihre Platten ein. Und jetzt will eben ein großes Unternehmen den Laden schließen. Und auch hier halten wir eben zusammen, wie in den Siebzigern und gehen auf die Straße, damit dieser Plattenladen bestehen bleibt.

Wir erleben wohl gerade eine interessante Zeit, weil es gerade zu einem tatsächlichen Generationenwechsel im HipHop kommt.

Stimmt. Ich bin jetzt einer der elder statesmen des HipHop.

Du bist in der Bronx aufgewachsen und du arbeitest immer noch dort. Wohnst du auch noch in der Bronx?

Ja. Geboren und aufgewachsen hier, und ich werde hier wohl auch sterben. Und ich liebe es noch immer.

Und wie lebt es sich heutzutage dort?

Es ist viel besser geworden. Die Häuser sind schöner, die Straßen wieder sicherer. Manches ändert sich natürlich nicht – es gibt immer noch Probleme mit Drogen und Gangs. Aber es ist lange nicht mehr so schlimm wie früher. Aber die Bronx ist einfach mein Zuhause.

Der Rapper Showbiz hat vor kurzem mal in einem Interview gesagt, dass man mittlerweile keine Partys mehr in der Bronx schmeißen könne, weil es zu gefährlich sei.

Die Zeiten ändern sich natürlich. HipHop hat ein ziemlich dickes Auge abgekommen durch Rap-Musik heutzutage. Für mich heißt Rap: a Record Artist Pretending. Rap ist heutzutage voll von Gewalt und Erniedrigungen unserer Frauen. Wenn du in den Siebzigern und Achtzigern Stress mit einem anderen Emcee, DJ oder Sprüher hattest, wurde das auf Wänden ausgetragen oder auf der Bühne. Damals haben wir uns nicht gegenseitig umgebracht. Jedes Mal wenn ich die Zeitung aufmache, lese ich, dass ein neuer Rapper oder DJ umgebracht worden ist. Das ist eine Schande. Showbiz hat also schon Recht damit, dass man keine großen Partys mehr in der Bronx veranstalten kann, weil es einfach zu gefährlich ist. Wenn du halt ein Konzert von etwa Rakim in einem Club Downtown siehst, wimmelt es da von Sicherheitspersonal.

Wie war das denn damals mit der Sicherheit auf den Partys?

Die Streetgangs haben damals für Sicherheit gesorgt. Und mit ihnen hat sich auch niemand angelegt. Es ging da in erster Linie noch um Respekt.

Eines interessiert mich noch: Die erste Seite des Buches zeigt ein Bild von einer riesigen puertoricanischen Flagge und ich…

Ja, das ist in der Charlotte Street entstanden. Diese Ecke war ziemlich bekannt, weil eben dort ganze Häuserblocks niedergebrannt waren. Präsident Carter und Präsident Reagan tauchten dort ab und zu auf und erklärten, wie sie die Bronx wieder aufbauen wollen. Dann gab es immer große Demonstrationen von verschiedenen Gruppen, die ihnen vorwarfen, dass sie zwar groß reden würden, aber nie etwas passiert. Eine dieser Gruppen hängte eben diese riesengroße Flagge auf.

Was mich interessiert: Würdest du mir zustimmen, dass der Einfluss von Hispanics bei der Geburt von HipHop oftmals vergessen wird?

Das ist den meisten Leuten ja gar nicht bewusst, die Rolle, die Hispanics bei der Geburt von HipHop gespielt haben. Hispanics waren vom ersten Tag an dabei. DJ Disco Whizz zum Beispiel war Grandmaster Caz’ DJ, bevor er überhaupt bei den Cold Crush Brothers war. Da gibt es einige Leute — Emcees, DJs, Tänzer und Sprüher. Hispanics waren immer ganz vorne dabei. Vom ersten Tag an, bei der Geburt der HipHop-Kultur.

  

Kommentare geschlossen

Kommentare:

  1. Bohuslav Schnirch

    5.03.08

    Extrem interessantes Interview. Schönes Feature / Pictorial auch in der letzten JUICE, Alex! Peace, Bohu

  2. Danke, sehr interessant.

  3. I’m with Bohu.

  4. sehr gut, buch bereits bestellt.

  5. buch angekommen! fantastisch! jeder, der hiphop liebt, sollte es erwerben.

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