4.06.08 Alexander Engelen
»...'til justice is served.«
Ende Februar sorgte eine Roc-A-Wear-Werbung für mediokre Furore in Amerikas Medien - Nicole Paultre-Bell, die Verlobte des im November 2006 von Zivilpolizisten mit 50 Schüßen getöteten New Yorkers Sean Bell, lieh ihr Gesicht der »I will not lose«-Kampagne des Modeunternehmens. Neben ihrem Konterfeit prangte darauf ein verheißungsvoller Spruch: »We are going to be here to the end, 'til justice is served.« Mit einem Gerichtsurteil vom 25. April und den dortigen Freisprüchen für alle beteiligten Polizisten stellte die amerikanische Justiz das Gerechtigkeitsempfinden der Witwe und das der HipHop-Gemeinde auf eine harte Probe.
In der folgenden Woche fielen, abgesehen von einigen musikalischen Schnellschüssen und ganz unterschiedlichen Szene-Blogposts, die Reaktionen auf die Freisprüche friedlicher aus als erwartet. Die New Yorker Polizei musste sich entgegen ihrer Befürchtungen nicht gegen Rassenunruhen, wie sie etwa ziemlich genau vor 16 Jahren in Los Angeles nach dem Rodney King-Attentat auftraten, wehren. Der Grund dafür liegt möglicherweise darin, dass der Mord an Sean Bell vielmehr auf ein gesamtgesellschaftliches Problem zurückzuführen ist, als auf ein rein rassistisch motiviertes. Ähnlich sah das auch Prodigy, der gerade wegen illegalem Waffenbesitzes für dreieinhalb Jahre hinter Gitter wanderte: »The Sean Bell murder coverup is less about race and more about power«, ließ er per Presseaussendung verlauten. Ein anderer Grund, wieso es zu keinem Aufruhr gekommen ist, lag wohl auch am medialen Desinteresse, das dem Fall zuteil wurde. Amerikas Öffentlichkeit hat in Zeiten fundamentaler Fragen über Rasse — angesichts eines afroamerikanischen Präsidentschaftskandidaten, der nicht umhin kommt, sich immer wieder öffentlich mit seiner Hautfarbe auseinanderzusetzen — und einer lahmenden Wirtschaft — angesichts Dollar-, Banken-, Öl-Krise und Rezessionsangst — keine Motivation, einen solchen Fall kritisch zu betrachten. Hinsichtlich der ausbleibenden Aufstände kann sie sich glücklich schätzen.
Ganz still wurde das Urteil aber nicht aufgenommen. So ganz hielt man sich dabei in der HipHop-Szene nicht an das Ansinnen eines ihrer politischen Sprachrohre: Wie allhiphop.com berichtet, rief HipHop Action Summit Network-CEO Dr. Benjamin Chavis zu Besonnenheit auf: »The anger and disgust that the Hip-Hop community certainly feels today should not be permitted to develop into anything negative, as a response.« The Game war anderer Meinung und stilisierte sich in seiner Neuauflage von Public Enemys »911 Is A Joke« als »Cop Killa« und fordert für jeden Schuss auf Sean Bell einen toten Polizisten. Auf ähnlichem Niveau bewegte sich der Track auch musikalisch — bös gemeint, aber künstlerisch uninteressant. Weniger drastisch, aber ähnlich aufgebracht, gab sich Grafh bei seiner Abrechnung mit dem System. Doch auch sein »Not Guilty (The People’s Verdict)« bleibt wenig interessant, auch wenn es inhaltlich tiefer geht als Games Beitrag.
Mittlerweile ist mehr als ein Monat seit dem Gerichtsbeschluss vergangen und etwas verspätet zieht Swizz Beats mit dem Track »Stand Up (Sean Bell Tribute)« nach — mit Unterstützung von Styles, Talib Kweli, Cassidy, Maino und Drag-On, die sich auf Heatmakers-Beat zum Tod von Sean Beall äußern. Trotz ansehnlichem Line-Up ist das Ergebnis aber auch hier eher ernüchternd. Erfreulich immerhin, dass alle Erlöse der Familie von Sean Bell zugute kommen. Wie hoch die Einnahmen bei einem Free Download-Track sind, bleibt die Frage.
Gemischte Gefühle stellen sich auch bei einem anderen Engagement ein: 50 Cent hat auf seiner Internetplattform ThisIs50.com eine Kampagne gestartet, bei der Shirts mit dem Aufdruck »I Am Sean Bell« verkauft werden. Auch diese Erlöse sollen direkt an die Familie Bells gehen, die Fifty in die Aktion auch eingebunden hat. Ehrenwert, wenn auch sonderbar, gerade weil dieses Fundraising von einem Mann initiiert wird, der weiß, wie man Schüsse in bare Münze verwandeln kann. In eine ähnliche Richtung geht auch der lesenswerte Blogpost von Little Brothers Phonte. Seine Hypothese: Hätte Sean Bell die Schüsse überlebt, könnte er als Rapper Karriere machen.
Ein weiteres Zeichen dafür, dass in der amerikanischen Gesellschaft etwas falsch läuft. Denn bereits jetzt merkt man, dass eine solche Tragödie nur kurzzeitig für Gesprächsstoff sorgen kann, während die Realität weiter brutal bleibt: In Chicago etwa kam es während des letzten April-Wochenendes zu 36 Schießereien, in denen neun Menschen starben. Die Anzahl der verstorbenen Gewaltopfer aus Chicago seit dem 01. Januar summierte sich somit auf 98. Alles Zeichen dafür, dass etwas in einem Land nicht stimmt und nicht in einer bestimmten ethnischen Minderheit oder einem bestimmten Berufszweig. Einem Land übrigens, das in seiner verschrobenen Auseinandersetzung mit Waffen auch in Zukunft auf seinen Präsidenten vertrauen kann: Alle Kandidaten, republikanisch wie demokratisch, stehen hinter dem, in der amerikanischen Verfassung geschützten Recht auf Waffenbesitz. Ein, gerade in der HipHop-Szene, sehr vernachlässigtes Thema.
Immerhin kann sich die Familie Sean Bells auf die Unterstützung der Szene verlassen. Neben Swizz Beats und Fifty setzt sich schließlich auch Jay-Z finanziell für die Trauernden ein. Er verzichtete dabei auf einen musikalischen Beitrag und richtete einen Fonds ein, der Bells Witwe und ihre zwei Töchter auf lange Sicht finanziell unterstützen soll. So sichert Sean Carter auch die Zukunft der Familie. Wahrscheinlich tritt nämlich früher oder später das ein, was Mickey Factz in seiner, aus der Ich-Perspektive Sean Bells erzählten Story auf dem Song »I’m Sean (50 Shots More)«
für die Zeit nach der Medienpräsenz prophezeit: »Now I’m just another punchline in N…z songs«.
Thomas
4.06.08sehr guter beitrag. hat hand und fuß. könnte sich alice schwarzer was von abschneiden. ;)