15.09.07 Johannes Desta

Warum aus einem guten Fussballer niemals ein guter Rapper wird - und andersherum

Vor gut zweieinhalb Wochen blätterten wir etwas gedankenverloren in dem damals aktuellen "kicker" vom 27.08.2007. Stuttgart, Dortmund und Bremen haben jeweils die Minikrise abgewendet, etwas später »Der neue Marcelinho« und dann ein Interview mit Christian Pander, dem Linksverteidiger, der kurz zuvor Deutschlands 2:1 im Wiedereröffnungsspiel gegen England im Wembley-Stadion erzielte. Stutzig machten uns die frischen LRG-Klamotten, in denen sich der Schalker präsentierte. Hat der das jetzt zufällig an oder was?

»Kicken« im Süden, »buffen« im Norden oder auch »bolzen«. Synonyme hier wie dort für dasselbe: Fußballspielen mit Freunden abseits von Vereinen und ihrer Regelungswut, mit notdürftig zusammengestellten, oft nur mit Rucksäcken markierten Toren (»nur hüfthoch!«) und wenn man mal den Luxus von Toren—nur noch zu toppen von Toren mit Netzen—erleben wollte, war der wutschnaubende Hausmeister nicht weit.

Einen Bezug zu HipHop gab es lange Zeit nicht. Nicht weiter verwunderlich, denn HipHop fristete noch ein Untergrundasein. Sollten Spieler Rap gehört haben, wurde es nicht kommuniziert, da Sportreporter damit nichts anzufangen wussten. Dennoch verwunderlich, da sowohl rappen als auch buffen eine Gemeinsamkeit haben. Im Gegensatz zum Produzieren respektive Segeln bedarf es keiner teuren Anfangsinvestitionen. Der Bezug zur Straße war damit gegeben. Viele große Fußballer von Zinedine Zidane bis Mehmet Scholl, die später in den Profi-Ligen dieser Welt für Furore sorgten, fingen als “Straßenfußballer” an. Das erste Mal, dass im Rahmen einer Sportübertragung eine solche Verquickung der beiden Tätigkeiten aufgefallen ist, muss irgendwann Ende der Neunziger gewesen sein. In einem Fernsehbericht wurde Nicolas Anélka porträtiert. In einem Nebensatz hieß es, er sei sehr introvertiert, nicht sonderlich kommunikationsfreudig und hörte abseits des Platzes nur Rapmusik.

Im ersten Moment überrascht, dass sich ein stets höchst diszipliniert verhaltender Spieler (anders wird man nicht Profi) mit so hedonistischem Kram wie Musik und dem Drumherum beschäftigt, war es im zweiten überhaupt nicht mehr so abwegig. Wenn man etwa bedenkt, dass man auch Rapmusik hören kann, ohne dafür bis morgens in irgendwelchen verranzten Jugendzentren mit ordentlich Umdrehungen im Blut abzuhängen. Wenn man etwa bedenkt, dass es ja nicht so ist, dass Fußballprofis als solche geboren sind und von der Umwelt isoliert nur zwischen Bett und Trainingsplatz pendeln. Und wenn man bedenkt, dass HipHop seit spätestens Mitte der Neunziger zur vorherrschenden Jugendkultur avancierte, ist es schlicht eine Milchmädchenrechnung, dass unter den heutigen Profis auch HipHop-Fans zu finden sind.

Und seitdem HipHop in den Mainstream-Medien angekommen ist, erscheint auch Sport-Redakteuren diese Tatsache eine Nachricht wert, denn »Vom Tellerwäscher zum Millionär«-Geschichten machen sich immer gut. Modern abgewandelt heißen sie dann »Aus dem Weddinger Arbeiterviertel über den Bolzplatz zum Millionär« und können auf die Verwendung von in diesem Kontext ausgelutschten Wörtern wie »multi-kulti« oder »Ghetto« nicht verzichten, um die Schwierigkeit des Aufstiegs aus unterprivilegierten Sphären noch weiter herauszuarbeiten. So posierten “Herthas junge Wilde” um den mittlerweile nach England gewechselten Kevin Prince Boateng im Januar diesen Jahres in urbanem Umfeld und Allover-Print-Hoodies für die BILD und gaben ein zum Teil haarsträubendes Interview. Boateng etwa behauptete: »Na ja, Wedding ist schon hart. Das ist Ghetto, mitten in Berlin! Ich schätze mal, dass 90 Prozent der Bewohner arbeitslos sind.« Eine kurze Google-Suche zeigt, dass sich die Arbeitslosenquote in Wedding knapp über 20 % bewegt. (Es spricht auch für die Qualität der BILD, so eine »Schätzung« aus “dramaturgischen Gründen” einfach mal so im Raum stehen zu lassen. Aber das nur am Rande.)

Neben “Herthas jungen Wilden”, also guten Fußballern mit Hang zu HipHop, gibt es noch so einige Beispiele für die genau entgegengesetzte Konstellation: also Rapper, die einst auf hohem Niveau Fußball spielten oder zumindestens begeistert darüber schreiben. Etwa der Augsburger Olli Banjo, der nach eigener Aussage immerhin in der Bayern-Auswahl der C-Jugend stand und der Liebe zu seinem Lieblingsclub mit »Bayern München« samt großartiger Hook »geh’ aus dem Bild / Bayern München spielt« ein Denkmal setzte. Oder der mittlerweile in Berlin wohnende, Madlibs Kunstfigur Quasimoto nacheifernde Marteria, der einst, für die Jugend von Hansa Rostock spielend, diverse Jugend-Nationalmannschaften—unter anderem unter bekannten Größen wie Horst Hrubesch und Erich Rutemöller—durchlief. Bei Hansa war er bereits Vertrags-Amateur, die Vorstufe zum Profi, ehe ihn eine Knieverletzung stoppte. Zuletzt darf an dieser Stelle natürlich auch die »Raportage«-Serie zur WM 2006 der Formation Blumentopf Christian Pander im Kicker, 27. August 2007nicht unerwähnt bleiben, mit der die Münchner binnen Tagesfrist die Spiele der deutschen Nationalmannschaft in Reimform kommentierten.

Etwas anders verhält es sich bei Christian Pander, Schalker Stammkraft hinten links in der Viererkette. Er ist wohl der einzige Fußball-Profi, der gleichzeitig noch rappt. Zusätzlich betreibt er sein eigenes Label »Hood Productions«. Und wenn man ihn unter dem Pseudonym Funky Pee so rappen hört, würde man ihm gerne »Mach doch besser was anderes…« zuraunen, aber das tut er ja und das auch noch sehr erfolgreich. Auf seiner MySpace-Seite gibt es Tracks und weitere Infos über sein Wirken neben dem Platz.

Da wäre zum Beispiel »Meine Story« (Download via MySpace), ein Track über seine tatsächlich üble Verletzung im Frühjahr 2005, als in Panders Knie so ziemlich alles riss, was ein Knie im Allgemeinen zusammenhält. Aber die ekelhaft weichgespülte Produktion mit Kitsch-Hook und die jeglichem Flow entbehrenden Grundschulreime wie etwa »Meine Name ist Funky Pee und ich bin jetzt wieder da / nicht als Rapper, sondern Bundesliga-Star« sind nicht wirklich genießbar. Aber wie bereits gesagt: er ist ein guter Buffer, da möchten wir galant über seine Nebentätigkeiten hinwegsehen. Denn er weiß offensichtlich selbst um die mangelnde Qualität seines musikalischen Ausschusses: »Das hier ist nur Spaß und bleibt mein liebstes Hobby / Wem das jetzt nicht passt, ein ganz dickes Sorry«. Entschuldigung angenommen. (File Christian Pander under: Fußballer)

Bleibt das Fazit, dass es keinen Rapper gibt, der Fußball-Profi geworden ist, noch Profis, die auch als Emcees erfolgreich geworden sind. HipHop’phile Fußball-Profis, fußball-besessene Rapper, klar das gibt es, da das Fan-Sein lange nicht den Aufwand eines Aktiven fordert. Es scheint wohl doch so zu sein, dass sich die beiden Tätigkeiten diametral gegenüberstehen und ihre Vereinbarkeit auf hohem Niveau praktisch nicht möglich ist. Bis zum heutigen Tag hat uns zumindest noch niemand vom Gegenteil überzeugen können. Wie die Faust aufs Auge passt da die Aussage Marterias (YouTube-Video, ab Minute 5,42) auf die Frage, wie er arbeitstechnisch das Marsimoto-Album angegangen sei: »Beim Marsimoto-Album »Halloziehnation« war das so…drei Joints, vier Beck’s…erst dann haben wir angefangen, zusammen aufzunehmen.«

Foto: © kicker vom 27.08.2007

  

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Kommentare:

  1. omg, is pander skillbefreit..

  2. haha, ich wusste natuerlich nichts von panders seitenhustle aber die tracks in seinem myspace profil sin in der tat hilarious.

  3. Ghanaian Stallion

    18.09.07

    ahhhh…auch wenn das nicht unbedingt auf große gegenliebe stoßen wird, gerade nicht bei dem sehr geschätzten Herr Desta, muss ich einfach sagen: »stark geschrieben!«...sorry…und da ich über pander und dessen 2. karriere schon etwas wusste, war es an der zeit, dass das jemand kreativ, humorvoll und doch auf den punkt bringed mal kommentiert!...sorry Hannes aber mir fällt sonst nichts ein…gut auf den punkt gebracht alles..!

  4. janno

    29.09.07

    interessant!…

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